Titel: Keine Angst Darling
„Keine Angst, Darling" von Vera Buck erscheint am 3. August dieses Jahres im Lübbe-Verlag. Vorab sei angemerkt, dass mir ein Leseexemplar vorlag, das in vielerlei Hinsicht von der Originalausgabe abweicht – kein Farbschnitt, Werbung im Vor- und Nachsatz und ein Hinweis auf die Community Lesejury, die allerdings Ende Juli und damit noch vor Erscheinen des Buches eingestellt wird. Auch eine Triggerwarnung ist im vorliegenden Exemplar nicht enthalten, wobei angesichts der Inhalte – sexuelle Gewalt, häusliche Gewalt, Gaslighting, Trauma und toxische Beziehungen – sehr zu hoffen bleibt, dass die Hauptauflage hier nachbessert. Wer solche Themen als belastend empfindet, sollte das bei der Lektüre unbedingt im Hinterkopf behalten.
Von außen würde man vielleicht nicht unbedingt darauf tippen, hier einen Thriller in der Hand zu haben, der einem wirklich unter die Haut geht. Doch der Schein trügt – „Keine Angst, Darling" war eines der besten Bücher, das ich seit Monaten gelesen habe. So mitreißend, dass ich sogar wieder angefangen habe, beim Training im Fitnessstudio zu lesen.
Erzählt wird aus den Perspektiven der beiden Schwestern Paula Hartmann und Lea Graves, die jeweils in unterschiedlichen Schriftarten gehalten sind – ein kleines Detail, das sicherlich nicht jedem gleich auffällt, aber die Distanz zwischen den Figuren auf einer weiteren Ebene darstellt. Die Geschichte spielt in Florida, in der Wohngemeinschaft Sancta Familia, wobei Paula und Lea ursprünglich aus Deutschland stammen. Paula sucht verzweifelt nach ihrer entfremdeten Schwester, während deren manipulativer Mann Matt gleichzeitig Paulas Familie ins Visier zu nehmen scheint. Das Buch ist durchgehend im Präsens geschrieben, was die Ereignisse noch unmittelbarer und erschreckend greifbar macht.
Besonders stark ist der Kontrast zwischen den beiden Lebenswelten: Paulas Alltag zeichnet ein deprimierend ehrliches, realistisches Bild des Lebens mit drei Kindern – stressig, laut, chaotisch. Leas Welt hingegen wirkt auf den ersten Blick wie eine Kulisse aus den 50er-Jahren – alles perfekt, alles kontrolliert. Denn Matt kontrolliert tatsächlich alles: was Lea anzieht, was sie isst, wohin sie geht, mit wem sie spricht. Zitate wie „Ich will, was du willst" oder „Aber Mamis können doch kein Auto fahren" entfalten dabei eine beklemmende Wirkung, die noch lange nachhallt.
Die Autorin scheut sich nicht, problematische Themen schonungslos anzusprechen: Gaslighting, Narzissmus, Jähzorn, Victim Shaming, Kindheitstrauma, Religiösität als Kontrollinstrument, Erziehungscamps und die Ablehnung gleichgeschlechtlicher Liebe – das Buch deckt ein erschreckend breites Spektrum gesellschaftlicher Missstände ab, ohne dabei je konstruiert zu wirken. Eingebettet wird die Handlung in verschiedene Medienformate, darunter Haushaltsbucheinträge und TikTok-Transkripte. Emojis und Hashtags sowie Markennamen wie iPad, Minions oder Playmobil lassen die Geschichte so real wirken, dass die Handlung umso mehr fesselt.
Erzählerisch punktet das Buch zusätzlich durch die kaum vorhersehbaren Wendungen, die sich am Ende zu einem stimmigen Gesamtbild zusammenfügen – keine offenen Fragen, kein zweiter Teil geplant.
Alles in allem ist „Keine Angst, Darling" ein starkes, intensives Buch, das ich mit niedrigen Erwartungen begonnen und mit echter Begeisterung beendet habe. Vera Buck schreibt schonungslos, präzise und mit einem Gespür für die leisen, alltäglichen Mechanismen von Kontrolle und Manipulation. Wer Psychothriller mag – oder sich bisher noch nicht so recht an das Genre gewagt hat – sollte diesem Buch eine Chance geben.