
Titel: Das Buch der verlorenen Stunden
Am 26. August 2025 erschien im dtv-Verlag Hayley Gelfusos Debütroman Das Buch der verlorenen Stunden. Zu Beginn fühlt es sich so an, als hätte man es schon einmal gelesen, aber auf eine Weise, die man so noch nicht kannte. Die Prämisse erinnert auf den ersten Blick an Bestseller-Werke wie Cornelia Funkes Tintenherz, bewegt sich dann aber in eine gänzlich eigene Richtung und beweist damit Gelfusos Kreativität. Wer also ein weiteres Buch erwartet, das sich bequem in bekannte Fantasy-Muster einfügt, wird hier angenehm überrascht werden.
Erzählerisch entscheidet sich die Autorin für eine zeitlich fragmentierte Struktur, die über verschiedene Epochen hinweg springt. Zu Beginn jedes Kapitels wird das entsprechende Jahr angegeben — ein Hilfsmittel, das prinzipiell Orientierung bieten soll, stellenweise aber nicht ausreicht. Gerade wenn die Zeitsprünge sich häufen, wäre eine genauere Zeitangabe hilfreich gewesen, um den Motiven der Figuren wirklich folgen zu können. Das ist schade, denn die Idee hinter dieser Erzählstruktur ist durchaus reizvoll: Gelfuso nutzt die verschiedenen Zeitebenen, um Informationen gezielt zurückzuhalten und nach und nach freizugeben, was dem Plot eine eigene Spannung verleiht. Dabei verfolgen wir die Handlung aus der Perspektive zweier Protagonistinnen, die mehr verbindet, als es anfangs scheint. Wer bereit ist, sich durch diese gelegentlich unübersichtlichen Abschnitte hindurchzuarbeiten, wird mit einem Plot belohnt, der tatsächlich überrascht — die Wendungen sitzen, kommen unerwartet und hinterlassen einen bleibenden Eindruck. Was das Buch trotz dieser erzählerischen Hürden trägt, sind seine Charaktere. Sie sind liebenswert, glaubwürdig und mit einem spürbaren eigenen Gewissen ausgestattet, das ihre Entscheidungen — auch wenn diese im Zeitverlauf nicht immer sofort nachvollziehbar sind — letztlich menschlich und greifbar macht. Ein Charakterverzeichnis vermisst man hier nicht; die Figuren prägen sich von selbst ein, was bei einer so vielstimmigen Geschichte keine Selbstverständlichkeit ist. Gelfuso gelingt es, ihnen eine Tiefe zu verleihen, die über das bloße Vorantreiben der Handlung hinausgeht, und genau das macht sie zu mehr als nur Werkzeugen des Plots.
Für ein Erstlingswerk ist “Das Buch der verlorenen Stunden” bemerkenswert kreativ und mutig. Gelfuso zeigt, dass sie bereit ist, ungewöhnliche Wege zu gehen — erzählerisch wie inhaltlich — und dass sie das nötige Gespür mitbringt, eine komplexe Geschichte zusammenzuhalten. Nicht alles gelingt dabei reibungslos, doch das schmälert den Gesamteindruck nur wenig. Ich hatte viel Freude daran, in die verschiedenen Zeitebenen einzutauchen, und bin gespannt, wohin die Autorin uns als Nächstes mitnimmt.
Alles in allem ist Das Buch der verlorenen Stunden eine klare Leseempfehlung für alle, die Zeitreisen-Geschichten lieben und dabei einmal abseits der gewohnten Science-Fiction-Pfade wandern möchten — wer offen ist für ein fantasievolles Abenteuer, das die Grenzen des Genres auf erfrischende Weise neu auslotet, ist hier genau richtig.