Titel: Die Erbin der vier Winde - Im Schatten des Obsidians
“Die Erbin der vier Winde – Im Schatten des Obsidians" von Daniella J. Sommers bildet den ersten Band einer Trilogie, von der bisher zwei Bände erschienen sind. Der Abschluss der Reihe wurde bereits für den 8. März nchsten Jahres angekündigt, wir müssen uns also nicht mehr allzu lange gedulden.
Das Buch überzeugt bereits äußerlich auf ganzer Linie: Ein Schutzumschlag mit Goldfolierung und Prägung, ein Rundum-Farbschnitt, ein Charakter-Pageoverlay sowie ein gestalteter Vor- und Nachsatz mit Karte und Charakter-Artwork machen es zu einem echten Schmuckstück im Regal. Die Karte erlaubt es dabei, die Reisen der Protagonisten bequem nachzuverfolgen und verleiht der Handlung somit zustzliche Immersion. Eine Triggerwarnung ist vorne im Buch zu finden – mit Verweis auf eine Website, auf der die entsprechenden Stellen mit Seitenangaben aufgelistet sind, um Spoiler zu vermeiden. Allerdings sei angemerkt, dass das Thema Suizid bereits im ersten Kapitel erwähnt wird, in der Triggerwarnung jedoch nicht explizit aufgeführt ist – da es sich hierbei um ein äußerst emotionales Thema handelt, dass bei einigen Lesern negative Gefühle auslösen könnte, sollte dieser Aspekt unbedingt ergänzt werden.
Erzählt wird sowohl aus der Perspektive unserer Protagonistin Kenna als auch ihrem Freund Caelan. Zu Kapitelbeginn verrät jeweils der Name, wessen Blickwinkel wir einnehmen. Die Handlung findet somit auf zwei Schienen statt, was den Lesefluss jedoch nicht behindert. Im Mittelpunkt steht die weibliche Hauptfigur, eine Assassine mit Heterochromie und einem moralisch grauen Profil – sie tötet für Geld, nicht nur für Gerechtigkeit. Loyal, mutig und mit echten Schwächen und Ängsten geschrieben, wirkt sie sympathisch und vor allem authentisch. Ihr gewalttätiger Meister Kadoc kassiert regelmäßig ihren Lohn ein, behandelt sie und Caelan schlecht und stellt sie schließlich sogar vor ein Ultimatum: ein Mordauftrag, der im Erfolgsfall die Freiheit für sie beide bedeutet. Kenna soll den Fae-Prinzen töten. Auch wenn der Auftrag einer Selbstmord-Mission gleicht, begibt sie sich auf den Weg und findet dabei einiges über sich selbst heraus, dass sie nie geahnt hätte. Rylan, Kennas Geliebter, wurde von Fae getötet – was ihre spätere Zusammenarbeit mit ebendiesen umso komplizierter macht. Dass sie diese Tatsache vergleichsweise schnell akzeptiert und nach kurzer Zeit kaum noch ein Problem damit zu haben scheint, „eine von denen" zu sein, wirkt angesichts ihrer Verlustgeschichte etwas zu reibungslos.
Die Welt, in der die Geschichte spielt, ist aufwendig ausgearbeitet, was ein Abtauchen ins Buch erst wirklich möglich macht. Vier Gottheiten der vier Winde – Anmos, Thalay, Vulcra und Eren – sowie die große Mutter und Neero, die Göttin der Dunkelheit, prägen den Glauben der Menschen und Fae gleichermaßen, ebenso wie die Zeitrechnung in Monden. Ein Friedensvertrag zwischen zwei Fae-Völkern beendete einst die Unterjochung der Menschen, und die Götter der vier Winde veranstalteten blutige Spiele, deren Sieger ein wenig ihrer Magie erhielten und diese mit anderen teilten – ein interessantes Worldbuilding-Element. Die Fae selbst bedienen bekannte Stereotype: schön, spitzohrig, mächtig, mit langer Lebensspanne und Kontrolle über die Elemente, verwundbar durch Silber. Dazu kommen Halbfae, Dämonen als Kreaturen der Nacht. Am Beispiel des schwulen Nebencharakters Tariq findet auch die LGBTQIA+-Community Repräsentation in der Geschichte. Was den Spice-Level betrifft: Die romantische Spannung zwischen den Hauptfiguren – durch Tropes wie Enemies to Lovers und Forced Proximity in Form einer politische Ehe - ist deutlich spürbar. Die Szenen selbst reichen von “Closed Door” bis explizit.
Erzählerisch gibt es einige kleinere Stolpersteine: Die Einführung vieler Charaktere auf einen Schlag macht es stellenweise etwas schwierig, der Handlung zu folgen. Ein Charakterregister oder Stammbaum wäre angesichts der teils unübersichtlichen Verwandtschaftsverhältnisse sehr hilfreich gewesen. Auch die Information, dass Aeron und Nadael ein und dieselbe Person sind, kommt reichlich spät – das sorgte bei mir zunächst für echte Verwirrung. Sprachlich passen Schimpfworte wie „Heilige Scheiße" oder „beschissen" nicht immer zum edlen Fantasy-Setting des spiegelglatten Obsidianpalastes und fallen beim Lesen deutlich auf. Auch der Völkerhass, der zwischen den Fae und den Menschen herrscht, scheint bei Kenna eine Ausnahme zu machen: Sie akzeptiert ihre neue Rolle (mehr sei hier nicht verraten!) reichlich früh und ist schnell bereit, über ihre Vorurteile hinweg zu sehen, was vor allem im Hinblick auf ihre negativen Erfahrungen mit dem Fae-Volk etwas unglaubwürdig wirkt.
Alles in allem ein solider Auftakt mit aufwendiger Aufmachung, einer authentischen, starken Protagonistin und gut durchdachten Worldbuilding, der trotz einiger Schwächen Lust auf die Fortsetzung macht. Es bleibt allerdings zu hoffen, dass das Alleinstellungsmerkmal der Reihe; die vier Elemente, im zweiten Band mehr Raum einnimmt.